Mission
„I'm
really scared when I kill in my dreams"
-- Kim Gordon
„Bedenkt
man es mit einigem Mut, so ist unsere Welt eine geworden, in der
Angst und Gleichgültigkeit vorherrschen“, schreibt
Elias Canetti. Wenn das stimmt, ist das Horrorgenre der adäquate
Ort zur künstlerischen Auseinandersetzung mit dem, was ist.
Es verhandelt das Liegengelassene, das Übergangene und das
Verschüttete. Die allgegenwärtige latente oder manifeste
Angst rührt aus der geahnten Tatsache, dass Gewalt allgegenwärtig
ist und zugleich verborgen gehalten wird. Utopien hat das Genre
keine anzubieten. Der Fortschritt ist ein Problem der Science
Fiction, das Problem des Horrorfilms ist die Natur. Sie lastet
wie ein Fluch auf den zivilisierten Körpern, die gleich den
Zombies aus Romeros Dawn of the dead durch die Einkaufszentren
der modernen Welt wanken.
„Warum
sind uns die Mythen des Horrorfilms so eigentümlich vertraut,
als hätten wir selbst diese grotesken und grauenhaften Situationen,
die der Horrorfilm schildert, irgendeinmal schon durchlebt, und
warum liefern wir uns mit Freuden diesen Ängsten und Schrecken
aus und finden in ihnen mehr Bestätigung als Verunsicherung?“
(Georg Seeßlen). Weil die Normalität prinzipiell fluchbelastet
ist: den latenten, vorbewussten Ängsten, die ein Körper
im Laufe seines Lebens speichert, verleiht das Genre Gestalt in
Form von mythischen, traumatischen und traumatisierenden Bildern.
Freddy Krueger, der die Alpträume der Kinder seiner Mörder
real werden lässt; Sadako, die in Ringu von ihrer Mutter
in einen Brunnen geworfen wird und nach ihrem Tod durch die Fernseher
ihrer Opfer wiederkehrt; die exzessive Verletzung von Körpergrenzen
im Splatterfilm – das Grenzüberschreitende und Groteske
hat hier seinen Stammtisch.
Während
im Science Fiction-Film die Anderen von weit her angereist kommen,
um die Weltherrschaft zu übernehmen oder uns sonst wie das
Leben schwer zu machen, sind es im Horrorfilm meist die eigenen
Leute, die durchdrehen – die Nachbarn, die Familie, die
peer-group. Es ist nicht das Fremde, das als bedrohliches Anderes
inszeniert wird, es ist der Nächste – die Geißel
Mitmensch – aus dem das Böse hervorbricht. Fremde sind
wir im Horrorfilm noch immer uns selbst. Wenn es doch die Anderen
sind, dann kommen sie nicht aus den Weiten des Alls, sondern aus
direkter Nähe. Es genügt, im Hinterland die falsche
Abzweigung zu wählen, schon wird man unter lautem Gebrüll
von einem Waldschrat mit Ledermaske verhackstückt.
Die
zwei Hauptbewegungen im Horrorfilm sind Warten und Laufen. Kommunikation
erscheint hier nicht wie z.B. beim Frankfurter Untoten der Kritischen
Theorie Habermas als befriedete Podiumsdiskussion mit anschließendem
Schnittchenverzehr, sondern als das Gewaltverhältnis, das
sie ist. Kommunizieren lässt sich im von seiner verdrängten
Natur heimgesuchten Spätkapitalismus am effektivsten mit
der Axt. „Jetzt hat der Spaß ein Ende! Jetzt beginnt
der Markt!“, ist der letzte Satz, den die ostdeutsche Kleinfamilie
nach dem Grenzübertritt in Christoph Schlingensiefs „Das
deutsche Kettensägenmassaker“ zu hören bekommt,
bevor ihr der Kopf gespalten wird.
Dass
es den besten Horrorfilmen gelingt, eine Identifikation nicht
mit dem Täter (wie in den reaktionäreren Blüten
des Genres), sondern eine Empathie mit dem Opfer (oder mit dem
Täter als Opfer) herzustellen, wollte die FSK nie begreifen.
Das schließt die Triebabfuhr, die Horrorfilme mitunter ermöglichen,
nicht aus. Die symbolische Überschreitung – der Sieg
des Bösen, die Vermeidung des Happy Ends, die lustvolle Zerstörung
der Bilder der Idylle – macht nicht nur großen Spaß,
sondern bringt uns in der Drastik dem Realen näher. „Der
destruktive Charakter kennt nur eine Parole: Platz schaffen; nur
eine Tätigkeit: räumen.“ (Walter Benjamin)